Die Pfeilmacherin

 

Die Gefährtin des Mahasiddhas Saraha

Der Mahasiddha Saraha lebte wahrscheinlich im Indien des 8. Jahrhunderts. Die Lehre Buddhas verbreitete sich damals zwar immer mehr, doch die Gesellschaft war dennoch vom hinduistischen Kastensystem geprägt. Obwohl der Buddhismus Unterschiede durch Herkunft ablehnt, setzte sich dieser Aspekt der Lehre Buddhas in Indien niemals durch. Es wurde von der damaligen Gesellschaft erwartet, dass man nur innerhalb der eigenen Kaste Kontakte pflegte. So erging es auch einem Mädchen, das als Tochter eines Pfeilmachers in einer unteren Kaste aufwuchs.
Saraha hiess eigentlich Rahulabadra und war als Sohn einer Brahmanenfamilie geboren. Er sollte Mönch und als solcher ein Gelehrter werden, so wie es seinem und dem Status seiner Familie entsprach. Er avancierte sogar zum Leiter der berühmten Nalanda Universität, der ältesten Universität der Welt im Bundesstaat Bihar/Indien. Doch er interessierte sich mehr für die praxisorientierte Herangehensweise des tantrischen Buddhismus und negierte die Grenzen der Reinheit, indem er Wein trank und auf andere Weise die Mönchsregeln verletzte. Daher musste er seine Position aufgeben und das Kloster verlassen. Als Rahulabadra wieder einmal trunken vom Bier war, erschien ihm ein Boddhisattva und befahl ihm, eine Pfeilmacherin mit mystischer Begabung aufzusuchen, die in der Stadt lebte. Dies würde sehr vielen Menschen Nutzen bringen. Von der Wahrheit dieser Botschaft überzeugt, begab er sich auf den Marktplatz. Dort entdeckte er unter den Pfeilmachern ein 15-jähriges Mädchen, das voller Anmut, Gewandtheit und perfekter Fokussierung Pfeile herstellte. Sie liess sich auf keine Weise im Getümmel des Marktes ablenken, sondern schnitt den Pfeilschaft, setzte die Spitze auf, brachte die Federn an und prüfte den Pfeil auf seine Geradheit, als ob es nichts anderes auf der Welt gäbe. Er sah, dass diese junge Frau ein ganz besonderer Mensch war, und versuchte, sie in ein Gespräch über die buddhistische Lehre zu verwickeln. Sie entgegnete jedoch auf seine theoretischen Ausführungen: „Es ist zwar möglich, den Sinn der Lehre des Buddhas durch Symbole und Handlungen zu erkennen, nicht jedoch durch Worte und Bücher.“ Dieser Wortwechsel genügte, dass Rahulabadra erkannte, dass er einer hohen Lehrerin gegenüberstand. Er verpflichtete sich auf der Stelle als dieser Guru-Yogini und die Pfeilmacherin nahm ihn als Schüler und tantrischen Gefährten an. Diese Verbindung war für beide Beteiligten innerhalb ihrer Kaste ein unglaublicher Fehltritt. Daher wuchs es sich zu einem regelrechten Skandal aus, als ihre Beziehung bekannt wurde. Sie ernteten für ihr Verhalten bei der Bevölkerung nur Tadel und Verachtung.

Dennoch blieben sie zusammen, ignorierten die sozialen Konventionen und ließen sich nicht voneinander trennen. Um jedoch nicht ständiger Stein des Anstosses zu sein, verließen sie ihre vertraute Umgebung, führten ein Nomadendasein und ließen sich zeitweise in der Natur an einsamen Plätzen nieder, um die Vereinigungspraxis des Diamantweges zu üben und eine tantrische Partnerschaft ohne die gängige Anhaftung anderer Paare zu leben. Er lernte von ihr das Pfeilmacherhandwerk, womit sie ihren Lebensunterhalt verdienten. So bekam Rahulabhadra den Namen Saraha, was Pfeilmacher – oder genauer gesagt: „der den Pfeil abgeschossen hat“ – bedeutet.

Sarahas Lieblingsgericht war Rettich-Curry. Eines Tages bat er seine Partnerin, ihm dieses Gericht zuzubereiten. Sie zögerte nicht und kochte ihm liebevoll sein Wunschgericht mit Yoghurt aus Büffelmilch. Als sie es ihm bringen wollte, war er in tiefer Meditation versunken und reagierte er weder auf ihre Worte noch auf ihre Berührung. Da sie ihn nicht stören wollte, beschloss sie zu warten, bis seine Meditation beendet wäre. Dies sollte aber sehr lange dauern. Er meditierte dieganze Nacht, den folgenden Tag und auch den Tag darauf Einigen Tage später begann sie, sich in gewohnter Weise um ihr Zuhause zu kümmern, arbeitete für ihren Lebensunterhalt und praktizierte Meditation.

Nach 12 langen Jahren, erhob sich Saraha schliesslich aus seiner tiefen Versenkung. Ihm war anscheinend nicht bewusst, wie lange er in Meditation gesessen hatte. Daher fragte er seine Gefährtin: „Ist mein Rettich-Curry endlich fertig?“ Die Pfeilmacherin fiel aus allen Wolken und entgegnete: „Du sitzt seit zwölf Jahren ununterbrochen in Samadhi und das erste, was Dir einfällt, ist das Curry, das ich Dir vor zwölf Jahren gekocht habe?! Du bist ja wahnsinnig! Was denkst du, in welchem Zustand sich dein Rettich–Curry jetzt befindet? Was ist denn das für eine Meditation, bei der du nach zwölf Jahren immer noch an deinem letzten Gedanken anhaftest? Hast du dafür zwölf Jahre lang rumgesessen, wie ein Rettich der sich an einem Erdklumpen festklammert?!“

Saraha war über ihre Worte entsetzt. Er beschloss in die Berge zu ziehen, um in der Einsamkeit seine spirituelle Praxis fortzusetzen. Als er dies der Pfeilmacherin mitteilte, gab sie zu bedenken: „Was gedenkst Du damit zu erreichen? Wenn du nach 12 Jahren ununterbrochener, tiefster Meditation noch immer unvermindertes Verlangen nach Rettich-Curry hast, was für einen Unterschied macht dann die Einsamkeit der Berge? Die reinste Einsamkeit ist die, die es dir ermöglicht, den vorgefassten Meinungen und Vorurteilen, den Kategorisierungen und Schubladen deines engen und starren Geistes zu entkommen. Die Natur des Geistes offenbart sich nicht leichter mit äusserer Ruhe und Einsamkeit. Mit der Flucht vor äusseren Sinnesreizen vertrödelst du nur noch mehr Zeit. Dieses Vorhaben ist nur ein Festhalten an deine dualistischen Konzepte. Höre endlich auf, Ausflüchte zu suchen!“ Die Worte der Pfeilmacherin loderten in glühender Weisheit. Sie verursachten bei Saraha ein Erwachen. Er erkannte in ihr seine Dakini-Meisterin und befreite seinen Geist von der Vorstellung und der Annahme, es existiere eine objektive Wirklichkeit. Er erfuhr die Untrennbarkeit von Raum und Freude und das Erkennen der Natur seines Geistes. Schliesslich erreichte er das Mahamudra, die höchste Verwirklichung.

Mit ihrer direkten und leidenschaftlichen Art zerriss die Pfeilmacherin bei Saraha den Schleier der Illusion. Durch sie erkannte er das wahre Wesen der Dinge und war fähig, die Wirklichkeit unmittelbar wahrzunehmen. Seine Bewunderungfür sie kannte keine Grenzen und dichtete er viele Lieder inspiriert von ihrer erleuchteten Präsenz:

„Das Handeln dieser Yogini ist ohnegleichen.
Sie vernichtet den Haushälter,
und erleuchtete Spontaneität scheint auf.

Jenseits von Leidenschaaft und Nicht-Leidenschaft,
sitzt sie entrückt, den Geist zerstört –
so habe ich die Yogini gesehen.

Man isst und trinkt und denkt,
was einem in den Sinn kommt.
Es ist jenseits der Vernunft und unfassbar, dieses Wunder einer Yogini.

Hier sind Sonne und Mond nicht mehr unterscheidbar,
in ihr entsteht die dreifache Welt.
Sie vervollkommnet das Denken

und ist die Einheit der erleuchteten Spontaneität –
O kenne diese Yogini!“

oder

„Sitz nicht herum, weder zuhause noch im Wald. Wo immer du bist, erkenne den Geist.“

Das Paar änderte jedoch nicht sein Leben. Es ging weiterhin dem Handwerk des Pfeilmachens nach und unterstützte andere auf dem buddhistischen Pfad. Saraha nahm sogar den Kastennamen seiner Gefährtin an und führte ein tantrisches Leben, zu dem auch Feiern an Verbrennungsstätten gehörten. Als er für dieses unpassende Verhalten gerügt wurde, sang er zu seiner Verteidigung Lieder und demonstrierte seine Siddhis (magische Kräfte), was im indischen Mittelalter beliebte Mittel waren, um öffentlicher Kritik zu begegnen. Bei einer Zusammenkunft, der auch die Königsfamilie beiwohnte, sang Saraha drei Liederkreise, einen für die Königin, einen für den König und einen für das Volk. Diese gesungenen Lehren wurden als die „Drei Kreise der Dohas“ berühmt. Nachdem er auf diese Weise die Lehre des Buddhas weitergegeben hatte, schwebte er mit der Pfeilmacherin in Vereinigung am Himmel, wobei er das Mahamudra übertrug. Viele der Anwesenden erlangten hierbei und in Folge dessen Buddhaschaft. Anschließend lösten sich die Pfeilmacherin und Saraha auf. Sie hatten zweifellos eine sehr hohe Verwirklichung manifestiert.

Dies zeigt wieder einmal, dass die Überlieferung zwar meist die Männer nennt, wobei jedoch die Frage ist, ob nicht sehr oft die Frauen, die das Patriarchat in den Hintergrund gedrängt hat, die eigentlichen Meisterinnen waren. Das Sanskritwort Ishukari ist unter Tantrikerinnen nach wie vor ein geehrter Name. Es bedeutet Pfeilmacherin.

Nacherzählt von Johannes Ganesh Bönig
Leipzig, Mai 2022

Quellen:

  • Michaela Fritzges, Ergotherapeutin, Diamantweg-Buddistin bei Lama Ole Nydahl, Buddhismus Heute Nr. 41, (Sommer 2006)
  • Miranda Shaw, Frauen, Tantra und Buddhismus, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt/ Main, Juli 2000
  • Keith Dowman, Meister des Tantra, Sphinx, Basel, 1988

 

Kommentar:

„Ja, es gefällt mir. Allerdings ist die Frage, warum die Frauen oft die eigentlichen Meisterinnen waren, mit welchen Traditionen das zusammenhängt, die offenbar keine patriarchalen waren, inwiefern die patriarchalen Traditionen diese Meisterschaft be- oder verhindert haben und warum.Was ist dadurch verloren gegangen? Gruß.“

Claudia von Werlhof
Politologin und Soziologin